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DIE PSYCHOLOGIE DES WOHNENS

 

Rundherum sicher und dabei beste Sicht:

Für viele Menschen ist die Dachwohnung die ideale Kombination aus Überblick und Schutz. Das Bedürfnis danach hat uns die Evolution eingeprägt.

Schutz und Geborgenheit

In Höhlen begann die Entwicklungsgeschichte der Menschheit, ein offenes Feuer im Kamin gilt uns heute noch als Inbegriff der Behaglichkeit.

Die moderne Architektur aber setzt auf große Glasflächen und offene Grundrisse. Bauen wir Häuser gegen unsere Natur?

Machen Sie einen Test. Gehen Sie in ein leeres Restaurant,das nicht Ihr Stammlokal ist und beobachten Sie, an welchen Platz
Sie sich wohl setzen werden.
Sie wählen einen mit der Wand im Rücken, der Ihnen möglichst freie Sicht über den Raum und auf den Eingang gewährt?

Die meisten Menschen tun das. Und die nächsten Gäste? Sie suchen sich ähnliche Plätze.
Erst wenn das Lokal sich füllt, finden sich notgedrungen Gäste für die Tische in der Mitte. Sind es Paare, und der Mann lässt, ganz Gentleman,
der Frau die Wahl, findet er sich in der Regel mit dem Rücken zur Tür wieder. Beschützer müssen das gelassen ertragen und jetzt bitte nicht zu zappeln anfangen.


Wir Menschen mögen die Krone der Schöpfung sein und äußerst trickreich in der Vernichtung unserer Feinde – wenn es um die Wahl des richtigen Platzes geht, verhalten wir uns nicht anders als die meisten Tiere:

Wir suchen Schutz und Überblick.


Jahrmillionen der Entwicklung haben uns dieses Muster tief in die Gene eingeprägt. Kein Wunder, dass Kinder, ihren Instinkten meist viel näher als Erwachsene, Hochbetten und Baumhäuser so lieben: Sie können sich darin geborgen fühlen und haben trotzdem alles im Blick.


Sicherheit: Das ist das wichtigste aller Bedürfnisse, die jeder Mensch in seiner Wohnung, in seinem Haus erfüllt haben muss. Es stammt aus den Anfängen unseres Seins.

„Man muss sich vor Augen halten, dass die Höhlenzeit mehr als eine halbe Million Jahre dauerte und sich dem Menschen in einer vieltausendfachen Geschlechterfolge tief einprägte und ihn formte“, schreibt der Architekt und Kulturkritiker E. W. Heine, „das Haus (ist) Teil unseres innersten Wesens, unser  Ursprung und unser Schicksal. Haus und Menschsein sind eine untrennbare Einheit. Durch die Behausung wurden wir zu Menschen.“


Bei der Kommunikationswissenschaftlerin Friederun Pleterski klingt das etwas weniger pathetisch:
„Wohnen bedeutet Sicherheit und Entspannung finden, nicht ständig auf der Hut sein, sich gehen lassen können. Wo eine Wohnung diese Ansprüche nicht erfüllt, ist das Warn und Alarmsystem des Körpers ständig in Bereitschaft, also angespannt,
und das Wohnen verfehlt seinen eigentlichen Zweck.“

Versetzen wir uns zurück in das Restaurant. Können wir uns hier gehen lassen? Natürlich nicht. Aber es gibt Abstufungen. In einem Lokal,wo die Tische in abgeteilten Nischen stehen, wird die Atmosphäre anders sein als in einem, wo jeder jeden sehen kann. Oder wo bodentiefe Fenster zur Straße hin jederzeit den Einblick von Passanten ermöglichen.


Nicht verwunderlich, dass die Stimmung in höhlenartigen Kneipen schneller hochkocht als in einem hell erleuchteten Loft mit hohen Decken. Da müssen dann Wein und Bier für Stimmung sorgen.
Und jetzt: Übertragen Sie die Idee eines behaglichen Raums, der Sicherheit und Überblick gewährt und dabei Kommunikation ermöglicht, auf Ihr Zuhause. Ideal ist die Dachwohnung mit großen Fenstern ohne Gegenüber: der Ausblick aus sicherer Distanz, die Dachschrägen, die Behaglichkeit vermitteln, die Sicherheit,
dass Einbrecher nur durch die Eingangstür kommen können. Und die lässt sich ja problemlos mit entsprechender Technik ausstatten.
Und wie steht’s mit dem Einfamilienhaus,
dem Lieblingswohnsitz der Deutschen?

Es ist kurios: Das Sicherheitsbedürfnis der Menschen ist höchst unterschiedlich, aber den Häusern,
die sie bewohnen, ist das oft überhaupt nicht anzusehen. Gewiss, man staunt über die üppige Verglasung
des einen und fragt sich, wie sich’s auf so einem Präsentierteller wohl wohnen mag.

Oder über die schießschartengroßen Fenster in einer abweisenden Mauer zur Straße hin, die
jedem Passanten auf der Stelle unmissverständlich klar macht: Du musst leider draußen bleiben.


Besondere Häuser lassen auf außergewöhnliche Bewohner schließen. Im besten Fall sind sie sich ihrer Bedürfnisse nach Schutz, Geborgenheit und Ausblick in die Umgebung bewusst geworden und haben einen Architekten gefunden, der das passende Haus dazu entwarf.

Im schlechtesten Falle hat ihnen der Planer eine Mode aufgeschwatzt – und das sind derzeit vor allem großzügige Fensterfronten und Wintergärten.
Es gibt wohl keinen Baustoff, der in den vergangenen Jahrzehnten einen so rasanten Fortschritt erlebt hat wie Glas.

Noch vor fünfzig Jahren bestanden Fenster aus einfachen, relativ kleinen Scheiben, weil große Formate zu teuer und zerbrechlich
waren und überdies zu viel Wärme entweichen ließen.

Das Glashaus von Philip Johnson, 1949 gebaut, und das Farnsworth-Haus von Mies van der Rohe aus dem Jahr 1950, beide rundherum komplett verglast, waren eine Sensation. Sie gelten beide als Meilensteine der Architektur.


Heute ist, zahlreiche Bauten belegen es, das durchsichtige Haus, eine Art Diamant zum Wohnen, technisch und finanziell kein Problem mehr.
Glas ist der Baustoff der Moderne.
Es ist Sinnbild für Demokratie und Modernität, vermittelt Transparenz und Leichtigkeit, lässt Innen und Außen ineinander fließen und scheint
die Bauwerke auf ihren ursprünglichen Zweck zu reduzieren – den Schutz des Menschen vor den Naturgewalten.


Die Rohstoffe zur Herstellung von Glas – Sand, Natron und Kalk – sind praktisch unbegrenzt vorhanden, es ist extrem witterungsbeständig,
formstabil und kratzfest.


Spektakuläre Entwürfe, echte Prestigeobjekte in der Referenzliste jedes Architekten, sind möglich.
Und psychologisch?

„Es gibt in der Architektur die Tendenz, das Schutzbedürfnis der Menschen geringer
zu werten“, hat der Architekturpsychologe Riklef Rambow beobachtet.
„Wichtiger sind Kommunikation und Offenheit.“

Große Fensterfronten, ja vollkommen verglaste Giebelwände sind ihr Symbol. Mit dem Ergebnis, dass die Bewohner ihre Abende lieber
gemeinsam in der Küche verbringen?
Es ist gewiss kein Zufall, wenn immer mehr Gärten aufwändig beleuchtet werden.

Dann rückt einem die Dunkelheit durch immer größere Fenster
nicht so auf die Pelle.

Damit wir uns zu Hause sicher und geborgen fühlen können, müssen wir eine Balance finden zwischen unserem Wunsch nach Ausblick
in Stadt oder Land und der Möglichkeit für andere, Einblick zu gewinnen in Haus oder Wohnung.

Beides hängt voneinander ab.

Wie, das hat der englische Psychologe Adrian Hill Anfang der siebziger Jahre in einem Experiment untersucht. Er setzte seine Probanden in einen Raum mit zwei Fenstern.

In dem einen sahen sie den Ausblick aus ihrem Haus, im anderen konnten sie sich selber dank eines Spiegels im Haus sitzend von außen beobachten. Zwei Ausblicke wurden ihnen per Diaprojektor gezeigt, ein naher Fußweg und ein Ausblick ins Grüne, und zwei Räume sollten sie sich dazu vorstellen: eine Wohnküche, ein Schlafzimmer.


Die Aufgabe: Mit Hilfe von Tüllgardinen unterschiedlicher Dichte eine Situation schaffen, die ihnen behaglich war. Eines der Ergebnisse war
zu erwarten: dass das Bedürfnis nach einem dichteren Stoff im Schlafzimmer größer war als in der Küche,
ebenso beim Blick auf den Fußweg als bei dem ins Grüne. Das Bedürfnis verstärkte sich, je dunkler es draußen wurde, je stärker also das Licht drinnen die Bewohner zur Schau stellte.


Verblüffend aber eine andere Erkenntnis: Ausgerechnet eher extrovertiert veranlagte Versuchspersonen
wählten durchweg dichtere Tüllgewebe als introvertierte.
Die Schlussfolgerung des Psychologen: Extrovertierte Menschen setzen sich offenbar stärker in Beziehung zu anderen – auch denen
vor dem Fenster – und haben daher ein stärker ausgeprägtes Bedürfnis nach visueller Privatheit.

Aber sind sie es nicht auch, die mit Hilfe großer Fensterfronten ihre Offenheit dokumentieren wollen? Der Zusammenhang ist noch nicht erforscht. Wie so vieles in der Psychologie des Wohnens.
Bleibt einstweilen der Test in eigener Sache, zu dem die Kommunikationswissenschaftlerin Friederun Pleterski
rät. Als Anhaltspunkte dienen ihr Fragen wie diese:

• Möchten Sie in Ihrer Wohnung alt
   werden?

• Haben Sie einen Raum als Rückzugsgebiet
   für sich alleine?

• Sind Sie sicher vor Einbrechern?

• Kann es Ihnen egal sein, was
   nachts vor Ihren Fenstern passiert,
   oder fühlen Sie sich durch zu große
   (Panorama-)Fenster beobachtet?

• Haben die Sitzplätze genügend
   Rückendeckung?

• Stimmt die Statik?

• Entsprechen die Raumproportionen
   dem menschlichen Maß?

• Ist das Raumklima angenehm?


Bei den Antworten vertraut sie auf etwas, was sich der Forschung wohl am stärksten entzieht:

den sechsten Sinn. „Er registriert die Gefahr, aber auch die Täuschung.“


„Bist du mir gewachsen?“ Diese Frage stellt ein Raum jedem, der ihn betritt. Wenn wir uns in einem Raum wohl fühlen wollen, muss die Antwort
„Ja“ lauten. Und unser Körper registriert sie unmittelbar – als Behagen, das wir sofort spüren, oder Anspannung, wenn die Antwort „Nein“ ist.

Wohlgefühl kann nicht entstehen wenn wir uns unterlegen oder gar ausgeliefert fühlen. Nur wenn wir eine Situation als unter unserer Kontrolle empfinden, können wir uns darin dauerhaft häuslich einrichten.
Und natürlich spielt nicht nur das Verhältnis zwischen Drinnen und Draußen eine Rolle.

Welche Bedeutung der Grundriss und die Einrichtung dabei spielen, hat der Verein „Würzburger Modell – Bauen für Geborgenheit“ in zahlreichen Projekten untersucht. Er hat sich zum Ziel gesetzt, Einrichtungen wie Schulen, Kindergärten, Behinderten- und Altenwohnheime den Nutzern gemäß zu gestalten.


„Geborgenheit ist die Grundvoraussetzung für Lebensqualität und eine gute Entwicklung“:

Das ist eine der wichtigsten Annahmen, erläutert der Vorsitzende Eduard Wisgalla. „Sie erlaubt uns zu entspannen und unsere Energien konstruktiv zu nutzen.
Unterstützt wird das durch quadratische Grundrisse und die Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Differenziertes Licht, beruhigende Farben, warme
Materialien wie Holz, Keramik und Stoff unterstützen den Effekt.“


Der andere entscheidende Punkt:
Die Sicherheit.

„Erlebte Sicherheit schützt vor Depressionen und kann aggressives Verhalten mindern oder sogar verhindern. Sie stärkt das Selbstwertgefühl. Das unterstützen auch stabile Möbel und feste Strukturen, kräftige, solide Balken etwa.“
Und nicht zu viel Glas.

„In Kindergärten mit zu vielen Fenstern und Lichteinfall herrscht immer Chaos und Unruhe“, hat Wisgalla festgestellt.
„In einer Behinderteneinrichtung, die wir nach unserem Konzept gestaltet haben, verschwand die Neigung der Bewohner zu Aggression
gegen sich und andere fast völlig.“
So überraschend ist das nicht: Wer sich sicher fühlt, braucht sich nicht so heftig gegen andere abzugrenzen.
Vieles, was „Bauen für Geborgenheit“ umsetzt, findet sich in anderer Terminologie bei den Lehrmeistern des Feng-Shui. Sie warnen vor zu
großen Fenstern (weil zu viel Energie nach draußen abfließt, die drinnen gebraucht wird), würden niemals einen Schreibtisch so aufstellen, dass
man beim Arbeiten mit dem Rücken zur Tür sitzt, platzieren ein Bett immer an einer sicheren Wand und mit freiem Blick zur Tür, bevorzugen
klare Formen und eine ruhige, aufgeräumte Atmosphäre.

Die Beraterin
Gudrun Mende bringt es auf den Punkt: „Die erste Priorität hat immer das Bedürfnis nach Schutz und Geborgenheit.
Es ist wichtig, eine Insel zu haben, auf der man sich wohl fühlt, die allen Stress draußen lässt.“
„Das Bedürfnis nach Rückzug nimmt dramatisch zu“, sagt der Wiener Zukunftsforscher Andreas Reiter.

„Die Wohnwelt wird zum Boxen-Stopp in unserer 24-Stunden-Ökönomie.“
Man finde eine immer größere Menge „an entschleunigenden Elementen, wenn man sich die Wohnrauminszenierungen der Menschen anschaut – das beginnt beim privaten Wellness- Bad und setzt sich fort im Schlafzimmerbereich.“
Viele tausend Generationen nach dem Aufbruch des Menschen zur Weltherrschaft sind es immer noch archaische Muster, die uns prägen. Hirnforscher können das erklären.

Das Zentrum unserer Angst, Amygdala oder Mandelkern genannt, gehört entwicklungsgeschichtlich zu den ältesten Teilen des Gehirns.
Es entstand, als unsere Vorfahren sich noch vor Säbelzahntigern in Acht nehmen mussten.
Hier sind die Muster eingeprägt, die auch heute noch unsere Instinkte leiten. Faszinierend, wie sehr sich die Bilder gleichen:

das Lagerfeuer in einer Höhle mit dem Kaminfeuer in einer Friesenkate
– Symbole von Schutz und Geborgenheit gleichermaßen.
Und wenn sie fehlen?

Ohne Sicherheit kein Entspannen, kein Loslassen, kein Wohlgefühl.

Der Preis ist hoch.

„Menschen, die ich zu Hause nicht geschützt und geborgen fühlen“, sagt Friederun Pleterski, „die wohnen nicht. Die stellen um, putzen, kaufen neu, haben einen unstillbaren Drang nach Veränderung.“

Und ziehen schließlich um. Als Nomaden des 21. Jahrhunderts.                                     SCHÖNER WOHNEN 12/2004